Vermutung für dieses Bild - 2018

Private Fotografien, welche man auf Flohmärkten oder bei Ebay kaufen kann, stammen in den meisten Fällen aus Haushaltsauflösungen. Es erfolgt die Veröffentlichung dieser Privatbilder durch den Verkauf an die Öffentlichkeit. Fotografien aus privaten Alben, die meistens aus den 1930er-1970er Jahren stammen, hatten für die ursprünglichen Autor*Innen und Besitzer*Innen einen gänzlich anderen Wert, als das heutzutage der Fall ist. Es war viel aufwändiger und kostspieliger Fotografien herzustellen, das Ergebnis des fotografischen Prozesses, der Positivabzug, wurde zum historischen Dokument, sogar zum Objekt, an dem sich heute noch durch die Patina oder Beschriftung, Geschichte, Narration und Wertschätzung durch die ursprünglichen Besitzer ablesen lassen.

Durch den Verkauf einzelner Fotografien auf Flohmärkten entsteht eine Herauslösung der Bilder, aus historischen, persönlichen und narrativen Kontexten. Die Aneignung durch dritte übergeht die Grauzone der Persönlichkeitsrechte, abgebildete Personen sind in der Regel schon tot, oder nicht zu kontaktieren, weshalb die Bilder ja auch letztendlich auf dem Flohmarkt landen. Aufgrund dieser Verhältnisse erscheint mir die Analogie: Flohmarktfotografien als Waisenkinder, sehr schlüssig. Die Flohmarktfotografien besitzen keinen familiären oder narrativen Kontext mehr, verweisen jedoch aufgrund ihrer Materialität auf ihren Ursprung und die fehlende Gesichte.

Um den fehlenden Kontexten der einzelnen Bilder auf die Spur zu kommen habe ich mir das größtmögliche Archiv, das Internet, zunutze gemacht. Ich habe die Flohmarktfotografien gescannt und die Scans bei der Google- Bilder Suche hochgeladen. Der Google-Algorithmus besitzt eine Bilderkennungssoftware und liest die Komposition, die Kontraste und Farben aus. Anschließend stellt Google auch eine semantische Vermutung bezüglich des Bildinhaltes an; „Vermutung für dieses Bild:“. Oft sind diese Vermutungen sehr allgemein, sowie „Photograph“ oder „Vintage“, manchmal finden sich aber auch inhaltlich korrekte oder falsche Ergebnisse wie „duck“ oder „boat“. Als Ergebnis der Rückwärts-Bildsuche zeigt Google außerdem in einer Liste „optisch ähnlicher Bilder“ an. Diese sind meiner Vermutung nach jedoch nicht nur optisch ähnlich sondern auch der semantische Kontext, der durch das Ergebnis der inhaltlichen Vermutung ausgelesen wurde, wird berücksichtigt. Eigentlich wird die Google Bilder-Rückwärtssuche verwendet um Urheberrechtsfragen zu klären. Zum Beispiele um zu überprüfen ob die eigenen Bilder auf fremden Websites in anderen Kontexten unerlaubterweise auftauchen.

Die von mir hochgeladenen Scans der Flohmarktfotografien ergaben jedoch nie einen exakten Treffer, das ursprüngliche Bild oder die Personen darauf konnte nicht gefunden werden. Stattdessen habe ich die von dem Algorithmus entdeckten Verwandtschaften zwischen dem Suchbild und den Bildergebnissen genutzt um eine neue künstliche Kontextualisierung der Flohmarktfotografien vorzunehmen. So finden Bilder aus unterschiedlichen räumlichen und zeitlichen Kontexten, (von verschiedenen Websites und aus verschiedenen Jahrzehnten vom Flohmarkt) durch die attestierte Verwandtschaft vom Algorithmus zueinander, stehen in Beziehung. Sie alle stammen aus dem digital-öffentlichen Archiv des Internets, im Gegensatz zu den privaten analogen Archiven, aus denen die Flohmarktfotografien stammen.

Diese Neukontextualisierung führt zu einer neu konstituierten Narration, diese entsteht durch die Betrachtung der Bildauswahl von Suchergebnissen und deren Anordnung mit dem Ursprungsbild in einem Panel. In der Betrachtung dieser Konstellationen entwickelt die Betrachterin bewusst oder unbewusst eine neue Narration für die Bilder. Hier bilden sich Analogien zu Schneiders Vorgehensweise mit der Mindmap, sowie dem Thema der Arbeit “Ghosts” (2018) welche die initiale Beschäftigung mit den Flohmarktbildern bildete. In einem weiteren Schritt nutze Schneider also zur Weiterverarbeitung den ALgorithmus der Google-Bilder-Rückwärtssuche. Sofern die Betrachtenden Kenntnis über die Entstehung der Panels besitzt wir auch häufig versucht selbst die Position des Algorithmus einzunehmen, semantische und kompositorische Ähnlichkeiten zu finden. So war zumindest die Resonanz in meiner gleichnahmigen Einzelausstellung 2019 In Soest. Das Ursprungsbild des Suchvorgangs, also das Flohmarktbild, wird durch den Titel des Panels offengelegt. Es werden nicht nur Vermutungen für dieses Bild, sondern auch für diesen Algorithmus angestellt.

Ausblick:
Es wäre interessant in einer zukünftigen Arbeit mit der Gemini KI von Google (gleiches system, vereinfachte Schnittstellen, einheitliche Datenbank) und Adobe Firefly ein Durchschnittsbild aus den sechs Bildern auf dem jeweiligen Panel von “Vermutung für dieses Bild” zu generieren. Mit Kompositionsanalyse der semantischen, syntaktischen oder kompositorischen Entscheidungen, die der Google-Bilder Rückwärtssuche-Anlgorithmus analysiert und getroffen hat, basierend auf der Grundlage der Netzstruktur und der Anzahl der Bildaufrufe in ihren jeweiligen Kontexten, könnte man vielleicht Rückschlüsse auf das algorithmisierte Bilderkennungsverfahren, das Google entwickelt hat ziehen.

Vermutung für dieses Bild:
9 Panels jeweils 70cm x 80cm, C-Print auf Lithopapier, Holzrahmen, Glas
2018

Vermutung für dieses Bild: Frau im Swimmingpool Stand: 23.11.2018, 10:24 (0,63 sek.)

Einzelausstellung im CASE 06.12. - 12.12.18

Vermutung für dieses Bild:
9 Panels jeweils 70cm x 80cm, C-Print auf Lithopapier, Holzrahmen, Glas

2018

Soester Anzeiger 2018
“Digitales glänzt erst bei Abwesenheit”
über die Einzelausstellung “Vermutung für dieses Bild” im Kunstverein Soest

Vermutung für dieses Bild: Männer auf dem FelsenStand: 20.11.2018, 17:33 (0,59 sek.)