Der rote Faden – Eine Verbindung durch Vielfalt und Individuation

Meine künstlerische Arbeit, die von theoretischen Überlegungen bis hin zu kunsttherapeutischen Reflexionen reicht, wird von einem klaren roten Faden zusammengehalten: meiner künstlerischen Vision, meinen persönlichen Erfahrungen und einem starken konzeptionellen Rahmen, der durch C.G. Jungs Theorien geprägt ist. Ich betrachte mein gesamtes Schaffen als einen dynamischen Individuationsprozess.

Ein starker konzeptioneller Rahmen

Mein konzeptioneller Rahmen vereint die Auseinandersetzung mit Trauma und Resilienz, die Dekonstruktion und Rekonstruktion von Bildern, Konzepten und Erzählungen. Es entsteht eine Verbindung von künstlerischer Praxis, theoretischer Forschung und traumasensiblen künstlerischen Therapieformen. Dabei sind die Themen Selbstermächtigung, Intuition und das "Bauen aus dem Unbewussten" wesentlicher Teil meines Gesamtwerks. Dieser Rahmen ermöglicht eine tiefgründige Bearbeitung komplexer Themen, wobei C.G. Jungs Reise ins kollektive Unbewusste besonders Eindruck bei mir hinterlassen hat. Die Dokumentation "Nachtmeerfahrten" über ihn prägte nachhaltig meine Auseinandersetzung mit dem kollektiven Unbewussten und Symbolen als Form dessen Ausdrucks. 

Zentrale Themen und Verbindungen

Die Auseinandersetzung mit Trauma und Resilienz, beeinflusst durch meine persönliche Erfahrung mit KPTBS, bildet den Kern meiner künstlerischen und therapeutischen Arbeit und zieht sich von der Dekonstruktion von Schönheitsidealen in „NUDESCREAM“ bis zu klinischen Erfahrungen während meines Kunsttherapie-Masterstudiums. Meine Ausbildung in der Kunsttherapie und meine künstlerische Praxis verschmelzen in meinem Gesamtwerk.
Durch meine persönlichen Erfahrungen sind mir die Themen psychische Gesundheit, gesellschaftliche Teilhabe und Inklusion von Betroffenen sowie die Entstigmatisierung von psychischen Erkrankungen sehr wichtig. Dabei liegt mein Fokus stets auf Selbstermächtigung und dem Finden der eigenen Stimme.

Künstlerische Vision

Durch meine Arbeit möchte ich einen Raum für Heilung, Selbstreflexion und gesellschaftlichen Wandel schaffen und Menschen dazu inspirieren, ihre Erfahrungen zu reflektieren, ihre Resilienz zu stärken und achtsamer mit diesen Themen im eigenen Alltag umzugehen. Meine Vision spiegelt die Suche nach Sinn wider, die Jung als wesentlich erachtete, und integriert Schatten und Licht, Intuition, Symbolik und tiefe Reflexion.

Einladung zur Entdeckung

Ich lade Sie ein, meine Projekte zu erkunden und die Verbindungen selbst zu entdecken. Ich bin überzeugt, dass meine Arbeit dazu beitragen kann, das Bewusstsein für wichtige Themen zu schärfen und zur Entfaltung des individuellen Potenzials zu inspirieren.

Die fragmentierte Realität: Sissy Schneiders künstlerische Auseinandersetzung mit KPTBS, Wahrnehmung und Spurensicherung

Sissy Schneider (1993*) schafft medienübergreifende Werke, die Malerei, Zeichnung, Fotografie, Skulptur und Installation verbinden. Ihre Arbeit untersucht Wahrnehmung, Interpretation und Realitätskonstruktion, oft durch surreale und traumhafte Atmosphären. Sie betrachtet ihre Kunst als einen fortlaufenden Metaprozess, in dem Lebensgeschichte, prägende Erfahrungen, Sinneseindrücke und Zeitwahrnehmung z.B. „What do you see“ 2018, „100 GENE“, „Pliozän“ 2019, „Ghosts“ 2018, „Chronos 2021“, „Der Rhein und seine Gezeiten“ (2025-ongoing), „Kunst und Krise (2025-ongoing)“, „Kunst und KI (2025-ongoing)“ in einen Dialog mit ihrer Gegenwart treten.
Dabei untersucht und veranschaulicht sie durch praktisches, poietisches und theoretisches Wissen – in ihrem Gesamtwerk – die physischen und psychischen Grundvoraussetzungen von Wahrnehmung und Sinneseindrücken. In diesem Prozess des künstlerischen Schaffens transformiert sie persönliche Erfahrungen – insbesondere jene, die aus ihrer Auseinandersetzung mit KPTBS resultieren – in universelle Erzählungen über Resilienz und Transformation. Ihre Arbeit wird somit zu einem Medium des posttraumatischen Wachstums.
Sissy Schneiders Gesamtwerk ist eine eindringliche Auseinandersetzung mit den komplexen Facetten der menschlichen Wahrnehmung, insbesondere im Kontext von komplexer posttraumatischer Belastungsstörung (KPTBS). Ihre medienübergreifenden Werke, die Malerei, Zeichnung, Fotografie, Skulptur und Installation umfassen, bilden eine visuelle Sprache, die die Fragmentierung und Instabilität der inneren Welt widerspiegelt, die mit KPTBS einhergeht.
Ein zentrales Thema in Schneiders Arbeit ist die Dekonstruktion und Rekonstruktion von Wahrnehmung. Ihre Werke sind oft von surrealen und traumhaften Atmosphären geprägt, die die Grenzen zwischen Realität und Imagination verwischen. Diese Verzerrungen der Wahrnehmung können als Ausdruck der inneren autobiografischen Zerrissenheit interpretiert werden, die durch KPTBS verursacht wird. Die fragmentierten Bilder und Räume in ihren Werken spiegeln die fragmentierten und instabilen inneren Repräsentanzen wider, die durch traumatische Erfahrungen entstanden sind.
Schneiders künstlerischer Prozess kann als Versuch verstanden werden, diese fragmentierten Repräsentanzen zu rekonstruieren und ein Gefühl der Kohärenz wiederherzustellen. Die Dekonstruktion und Rekonstruktion, Assemblage, Dokumentation, Spurensicherung, Kategorisierung, Archivierung, Collage und die Schaffung individueller Mythologien von Bildern, Fotografien, Fundstücken und Skulpturen sowie theoretischen Texten und Räumen in ihren Werken sind symbolische Akte der Heilung und Integration, Akte der Reintegration und des Wiederaneignens der eigenen Geschichte. Ihre Arbeitsweise ist eng mit der Strömung der „Spurensicherung“ verbunden, die in den letzten Jahrzehnten in der Kunst und Theorie an Bedeutung gewonnen hat (vgl. z. B. Gentken). Diese Strömung betont die Bedeutung von Spuren, Fragmenten und Archiven als Mittel zur Rekonstruktion von Geschichte und Identität. Schneiders Werke sind ein eindrückliches Beispiel für diese Herangehensweise, da sie durch die Sammlung, Archivierung und Rekontextualisierung von Bildern und Objekten individuelle und kollektive Erinnerungen freilegt. Dabei greift sie auch auf Methoden der digitalen und analogen Spurensicherung zurück, wie in ihren Werken „Vermutung für dieses Bild“, in dem sie durch die Google-Rückwärtssuche aus gekauften analogen Flohmarkt-Abzügen „Surrogatfamilien“ generiert und so neue Verbindungen und Erzählungen schafft, und „Ghosts“, wo sie durch die digitale Manipulation von Fotografien verlorene Erinnerungen und Spuren von Vergangenheit sichtbar macht. Diese Auseinandersetzung mit Spurensicherung findet sich auch in ihrem Werk „Der Rhein und seine Gezeiten 2025?“ wieder, in dem sie sich mit der Aneignung eines Ortes durch verschiedene Medien und Techniken beschäftigt. Die Aneignung per se ist für Schneider ein Versuch der Rekontextualisierung mit fremden Inhalten, ein Akt der Neubewertung und Neudefinition von Bedeutungen. Sie nimmt vorgefundenes Material – seien es Flohmarkt-Fotografien, digitale Bilder, Steine, Müll oder reale Orte – und setzt es in einen neuen Kontext, um so neue Erzählungen und Perspektiven zu schaffen.
Wie der Müll am Rhein, der indexikalisch auf eine dahinterliegende, nur zu vermutende Geschichte verweist, so arbeitet auch „Vermutung für dieses Bild“ mit der Rekonstruktion von Kontexten aus isolierten Fragmenten. In beiden Fällen geht es um die Schaffung neuer Wirklichkeiten durch die Neuordnung und Interpretation von Spuren und Hinweisen. Diese Verknüpfung der Konzepte individuelle Mythologien und Spurensicherung mit den Themen Narration und Selbsterzählung ist ein zentraler Aspekt von Schneiders künstlerischer Praxis. Die Schaffung individueller Mythologien, wie sie von Harald Szeemann auf der documenta 5 (1972) propagiert wurde, ist ein zentraler Aspekt von Schneiders künstlerischer Praxis. Szeemanns Konzept, das die Bedeutung persönlicher Weltsichten und subjektiver Realitäten in der Kunst betonte, findet in Schneiders Werken eine zeitgenössische Entsprechung. Sie nutzt ihre Kunst, um ihre eigene, einzigartige Mythologie zu schaffen, die von ihren persönlichen Erfahrungen, Erinnerungen, Wahrnehmungen und Imaginationen geprägt ist.
Interessanterweise ähnelt Schneiders Arbeitsweise in ‚Ghosts 2018‘, nämlich die Aneignung und künstliche Reproduktion von verwaisten Fotografien, die auf Flohmärkten gefunden wurden, den Methoden vieler bildgenerierender KIs. Beide Ansätze nutzen vorhandenes Bildmaterial, um neue visuelle Realitäten zu schaffen. Diese Parallele wirft wichtige Fragen nach der Autorschaft, der Originalität und dem ethischen Umgang mit Bildern auf, die in Zeiten von KI-generierter Kunst immer relevanter werden. Vielleicht ist es auch der starke Versuch, Dinge sinnvoll zu machen und Kontext zu geben, sie in ein großes Ganzes einzubetten, weil das in ihrer Erinnerung nicht so ist. Diese Herangehensweise erinnert an Aby Warburgs „Mnemosyne Atlas“, in dem er versuchte, die Wanderung von Bildern und Symbolen durch die Kulturgeschichte nachzuvollziehen und so ein umfassendes Verständnis der menschlichen Erfahrung zu schaffen.
In ihrem Gesamtwerk schafft Sissy Schneider eine einzigartige visuelle Sprache, die die Komplexität von KPTBS und die Fragilität der menschlichen Wahrnehmung eindringlich widerspiegelt. Ihre Werke sind nicht nur ästhetisch ansprechend, sondern können auch einen Raum für Heilung und Integration für Betroffene schaffen. In ihrer Auseinandersetzung mit biografisch fundierten Traumata und deren künstlerischer Verarbeitung fühlt sich Schneider in gewisser Weise mit einer Linie bedeutender Künstlerinnen wie Frida Kahlo, Louise Bourgeois und Tracey Emin verbunden, die durch ihre Werke gezeigt haben, wie Kunst als Mittel zur Verarbeitung von Trauma und zur Schaffung von Heilung dienen kann. Diese Künstlerinnen sind für Schneider inspirierend, da sie die Kraft der Kunst nutzen, um ihre persönlichen Erfahrungen in universelle Erzählungen zu verwandeln, die eng mit dem Unbewussten und dem autobiografischen Gedächtnis verbunden sind, und so einen Beitrag zur gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit Trauma und psychischer Gesundheit leisten.