Kunst und KI: Eine Einführung

Meine künstlerische Praxis ist ein fortlaufender Prozess, der die Grenzen zwischen Realität und Fiktion, Bewusstem und Unbewusstem erforscht. In diesem Kontext spielt die Integration von Künstlicher Intelligenz eine zunehmend wichtige Rolle. Ich sehe KI nicht nur als Werkzeug, sondern als Medium, das es mir ermöglicht, neue Formen der Bildgestaltung und des narrativen Ausdrucks zu entwickeln.

Inspiration und Arbeitsweise

Diese Art zu arbeiten ist auch der Modus meiner künstlerischen Forschung und Praxis, die sich durch Parallelprozesse auszeichnet, inspiriert von Joseph Beuys, dessen vielschichtige Arbeitsweise mich sehr geprägt hat. Besonders die Ausstellung „Joseph Beuys. Parallelprozesse“ im Rahmen der Quadriennale Düsseldorf 2010 hat mich sehr begeistert.¹ Diese prozesshafte Herangehensweise ermöglicht es mir, verschiedene Ideen und Konzepte gleichzeitig zu verfolgen und miteinander zu verknüpfen, wobei ich versuche, ein komplexes Netzwerk von Bezügen und Bedeutungen zu schaffen. Gleichzeitig versuche ich, durch die Überlagerung von verschiedenen Ebenen und Prozessen in meiner Arbeit die Komplexität der Realität widerzuspiegeln und den Betrachter einzuladen, eigene Verbindungen und Interpretationen zu finden. Das Gesamtwerk der KI-Website soll über mich und meine künstlerische Arbeit hinausweisen und die Betrachter*innen als Akteur*innen in den Fokus setzen.

Das KI-Website-Konzept

Ein zentraler Aspekt meines KI-Vorhabens ist die Schaffung einer interaktiven Website, die ein immersives Kunsterlebnis bietet. Durch den Einsatz von KI-gestützten Technologien möchte ich die Besucher einladen, aktiv an der Rezeption meiner Werke teilzunehmen und ihre eigenen Interpretationen zu entwickeln. Dieses Konzept basiert auf den Prinzipien der ergodischen Literatur, die erstmals von Espen J. Aarseth in seinem Werk „Cybertext: Perspectives on Ergodic Literature“ (1997) beschrieben wurden. Ergodische Literatur erfordert vom Leser nicht-triviale Anstrengungen, um den Text zu durchqueren, und betont die aktive Rolle des Lesers bei der Konstruktion von Bedeutung. Ähnlich wie bei ergodischen Texten, die verschiedene Pfade und Möglichkeiten bieten, sollen die Besucher meiner Website durch ihre Interaktionen eigene Narrationen schaffen und so zu Mitgestaltern des Kunstwerks werden.²

Die Luhmann-inspirierte Datenbank

Um dies zu ermöglichen, plane ich die Integration einer umfangreichen Datenbank, die dem Zettelkasten von Niklas Luhmann ähnelt. Luhmann, ein deutscher Soziologe, entwickelte in den 1950er Jahren einen Zettelkasten, der als sein primäres Werkzeug für Forschung und Publikation diente. Der Zettelkasten bestand aus Tausenden von Notizzetteln, die durch Querverweise miteinander verbunden waren und es Luhmann ermöglichten, komplexe Zusammenhänge zu erkennen und neue Ideen zu generieren. Durch die Integration einer solchen Datenbank in meine KI-Website möchte ich den Besuchern ermöglichen, auf eine ähnliche Weise Zusammenhänge zwischen meinen Werken, theoretischen Referenzen und künstlerischen Prozessen zu entdecken. Die KI wird dabei helfen, relevante Informationen zu verknüpfen und personalisierte Pfade durch die Datenbank zu generieren, wodurch die ergodische Arbeit der Besucher*innen eine zusätzliche persönliche Dimension erhält. Indem sie ihre eigenen Pfade wählen, ihre eigenen Verbindungen herstellen und ihre eigenen Interpretationen entwickeln, werden die Besucher*innen zu aktiven Schöpfern ihrer eigenen Kunsterfahrung.³

Interaktive Elemente der Website

  • Interaktive Werkpräsentation: KI-gestützte Bildanalyse, virtuelle Rundgänge, personalisierte Empfehlungen und übersetzung in die Form der Mindmap

  • KI-gestützte Narration und Interaktion: Ergodische Erzählungen, KI-generierte Texte, Fundstücke, Spurensuche, interaktive Installationen.

  • Personalisierte Besuchererfahrung: Virtuelle Assistenten, personalisierte Sammlungen, KI-gestützte Community.

Website-Design und Funktionalität

Benutzerfreundliches Design, mobile Optimierung, SEO-Optimierung, Datenschutz, ethische Aspekte.

Ausblick und Vision

Die KI-gestützte Website dient als Erweiterung meiner künstlerischen Praxis und ermöglicht es, neue Zielgruppen zu erreichen und die Interaktion mit meinem Publikum zu intensivieren. Sie ist ein Raum, in dem Kunst, Technologie und menschliche Kreativität zusammenkommen, um nicht nur neue Narrationen zu schaffen, sondern auch die Grenzen des künstlerischen Schaffens selbst zu erweitern. Sie ist ein Ausdruck des prozesshaften, gleichzeitigen und vielschichtigen Arbeitens, das meine künstlerische Forschung und Praxis prägt. Das Konzept soll in der Zukunft und bei einer großen Datenbank (Zettelkasten Luhmann Referenz) auch einmalige Texte oder Referenzen oder Bilder aus meinen künstlerischen und theoretischen Bausteinen generieren. Somit wird die ergodische Arbeit der Besucher*innen einmalig, da sie aktiv an der Generierung von Inhalten beteiligt sind.

Ergodische Interaktion und Zukunftsvision

Dabei sehe ich auch die Kommunikation mit KI selbst als eine Form des ergodischen Lesens und Schreibens. Durch präzise formulierte Prompts und die iterative Verfeinerung unserer Interaktion entsteht ein dynamischer Prozess, bei dem wir gemeinsam Bedeutung konstruieren. Dies spiegelt die Potenziale der Mensch-KI-Kollaboration wider und eröffnet neue Möglichkeiten für die künstlerische Praxis. Zukünftige „Easter Eggs“ und versteckte Narrationen werden die Besucher dazu einladen, die Website und meine Werke auf neue und unerwartete Weise zu erkunden und so die Grenzen zwischen Kunst und Spiel zu verwischen. Die Besucher*innen werden zu aktiven Teilnehmern einer Spurensuche, die es ihnen ermöglicht, tiefere Bedeutungsebenen meiner Werke und meiner künstlerischen Vision zu entdecken und gleichzeitig die Vielschichtigkeit des kreativen Prozesses selbst zu erfahren. Durch ihre Interaktion werden sie zu Mitgestaltern der künstlerischen Erfahrung.

Um die konzeptionellen Grundlagen dieser KI-gestützten Website näher zu beleuchten, folgt eine Betrachtung der Analogien und Unterschiede zwischen meiner künstlerischen Arbeitsweise und der Datenverarbeitung durch Künstliche Intelligenz.

Menschliche Poiesis versus künstliche Datenverarbeitung: Eine künstlerische Perspektive

Sissy Schneider erkennt in der Funktionsweise von Künstlicher Intelligenz und ihrer eigenen künstlerischen Arbeit interessante Parallelen. Ähnlich wie eine KI Daten verarbeitet, Muster erkennt und Informationen verknüpft, basiert auch Schneiders künstlerischer Prozess auf der Wahrnehmung von Mustern, dem Knüpfen von Verbindungen zwischen unterschiedlichen Themen und Medien sowie der Verwendung von Abstraktion und Symbolik. Ihre prozessorientierte Arbeit und die Entwicklung konzeptueller Landschaften durch Mindmaps weisen eine strukturelle Ähnlichkeit zur Datenverarbeitung einer KI auf.

Der entscheidende Unterschied liegt jedoch in dem kreativen "Sprung" der Poiesis, den Schneider in ihrer Kunst vollzieht. Während eine KI darauf trainiert ist, existierende Muster zu erkennen und zu kombinieren, geht Schneiders künstlerische Intuition darüber hinaus. Sie schafft Verbindungen, die über das Bekannte hinausgehen, kombiniert Elemente auf unerwartete Weise, basierend auf autobiografischen Erfahrungen, und generiert so originäre und neue Bedeutungen. Dieser Aspekt der schöpferischen Neuerung ist ein Kernmerkmal menschlicher Kreativität, das die aktuelle Leistungsfähigkeit von KI übersteigt.

Die Idee einer KI-gestützten Mindmap-Website für Sissy Schneiders Gesamtwerk erweist sich in diesem Spannungsfeld von Analogie und Differenz als besonders sinnvoll. Ähnlich wie Niklas Luhmanns Zettelkasten-Konzept eine Methode zur Wissensstrukturierung durch das Anlegen und Verknüpfen von Notizen darstellt, könnte die KI dabei helfen, die vielfältigen Verbindungen und Querverweise innerhalb ihres Œuvres auf einer datengestützten Ebene zu visualisieren und zu strukturieren. Sie könnte Muster und Beziehungen aufzeigen, die für den Betrachtenden möglicherweise nicht sofort ersichtlich sind, jedoch tief in ihrem Werk verwoben sind und zusätzlich auf die Interessen und den Wissensstand der Website-Besucher*innen durch KI sinnvoll angepasst werden. Dies würde sowohl der KI als auch den Betrachternden helfen, Verbindungen zu erkennen, die auf tieferen, konzeptuellen Einsichten beruhen. Die Website würde somit einen Raum für Wissensvermittlung und einen forschenden Aspekt schaffen, der einer Spurensuche ähnelt und es Besucher*innen ermöglicht, ihre eigene Erzählung über Schneiders Arbeiten und deren Bezüge herzustellen. Gleichzeitig würden Schneiders künstlerisches Werk, die Fähigkeit zur Poiesis und die theoretischen Reflexionen ihrer Arbeit die übergeordnete Struktur und die narrativen Stränge der Mindmap bestimmen. Die KI-Mindmap würde somit zu einer digitalen und gleichzeitig poietischen Datenbank, in der Wissen nicht nur gespeichert, sondern auch aktiv und kreativ neu verknüpft wird. Schneider würde die KI gewissermaßen "füttern" und ihr helfen, Verbindungen zu erkennen, die auf tieferen, konzeptuellen Einsichten in ihrem Gesamtwerk beruhen.

Die KI-Mindmap-Website würde somit zu einem interaktiven Raum, in dem die Analogien und Unterschiede zwischen menschlicher und künstlicher "Intelligenz" auf dem Gebiet der Kunst auf faszinierende Weise sichtbar werden. Sie könnte dem Betrachter neue Perspektiven auf Schneiders komplexes Gesamtwerk eröffnen und gleichzeitig die einzigartige Rolle der menschlichen Kreativität im Schaffensprozess hervorheben.

Fußnoten:

¹ „Joseph Beuys. Parallelprozesse“, Quadriennale Düsseldorf, 11.9.2010 – 16.1.2011.

² Aarseth, Espen J. (1997). Cybertext: Perspectives on Ergodic Literature. Baltimore: Johns Hopkins University Press (https://williamwolff.org/wp-content/uploads/2013/01/aarseth-ergodic-ch1-1997.pdf)

³ Luhmann, Niklas. (1981). Kommunikation mit Zettelkästen. Ein Gespräch mit Niklas Luhmann. In: Baecker, Dirk (Hrsg.): Prozesse der Kommunikation. Sonderheft der Zeitschrift Sozialwissenschaftliche Forschung, Opladen: Westdeutscher Verlag, S. 11-21.