Die fragmentierte Realität: Sissy Schneiders künstlerische Auseinandersetzung mit KPTBS, Wahrnehmung und Spurensicherung

Sissy Schneider (1993*) schafft medienübergreifende Werke, die Malerei, Zeichnung, Fotografie, Skulptur und Installation verbinden. Ihre Arbeit untersucht Wahrnehmung, Interpretation und Realitätskonstruktion, oft durch surreale und traumhafte Atmosphären. Sie betrachtet ihre Kunst als einen fortlaufenden Metaprozess, in dem Lebensgeschichte, prägende Erfahrungen, Sinneseindrücke und Zeitwahrnehmung in einen Dialog mit ihrer Gegenwart treten (siehe Anhang mit konkreten Projekten).
Dabei untersucht und veranschaulicht sie durch praktisches, poietisches und theoretisches Wissen – in ihrem Gesamtwerk – die physischen und psychischen Grundvoraussetzungen von Wahrnehmung und Sinneseindrücken. In diesem Prozess des künstlerischen Schaffens transformiert sie persönliche Erfahrungen – insbesondere jene, die aus ihrer Auseinandersetzung mit KPTBS resultieren – in universelle Erzählungen über Resilienz und Transformation. Ihre Arbeit wird somit zu einem Medium des posttraumatischen Wachstums.
Sissy Schneiders Gesamtwerk ist eine eindringliche Auseinandersetzung mit den komplexen Facetten der menschlichen Wahrnehmung, insbesondere im Kontext von komplexer posttraumatischer Belastungsstörung (KPTBS). Ihre medienübergreifenden Werke, die Malerei, Zeichnung, Fotografie, Skulptur und Installation umfassen, bilden eine visuelle Sprache, die die Fragmentierung und Instabilität der inneren Welt widerspiegelt, die mit KPTBS einhergeht.
Ein zentrales Thema in Schneiders Arbeit ist die Dekonstruktion und Rekonstruktion von Wahrnehmung. Ihre Werke sind oft von surrealen und traumhaften Atmosphären geprägt, die die Grenzen zwischen Realität und Imagination verwischen. Diese Verzerrungen der Wahrnehmung können als Ausdruck der inneren autobiografischen Zerrissenheit interpretiert werden, die durch KPTBS verursacht wird. Die fragmentierten Bilder und Räume in ihren Werken spiegeln die fragmentierten und instabilen inneren Repräsentanzen wider, die durch traumatische Erfahrungen entstanden sind.
Schneiders künstlerischer Prozess kann als Versuch verstanden werden, diese fragmentierten Repräsentanzen zu rekonstruieren und ein Gefühl der Kohärenz wiederherzustellen sind symbolische Akte der Heilung und Integration, Akte der Reintegration und des Wiederaneignens der eigenen Geschichte.

Ihre Arbeitsweise ist eng mit der Strömung der „Spurensicherung“ verbunden, die in den letzten Jahrzehnten in der Kunst und Theorie an Bedeutung gewonnen hat (vgl. z. B. Gentken). Diese Strömung betont die Bedeutung von Spuren, Fragmenten und Archiven als Mittel zur Rekonstruktion von Geschichte und Identität. Schneiders Werke sind ein eindrückliches Beispiel für diese Herangehensweise, da sie durch die Sammlung, Archivierung und Rekontextualisierung von Bildern und Objekten individuelle und kollektive Erinnerungen freilegt. Dabei greift sie auch auf Methoden der digitalen und analogen Spurensicherung zurück, wie in ihren Werken „Vermutung für dieses Bild“, in dem sie durch die Google-Rückwärtssuche aus gekauften analogen Flohmarkt-Abzügen „Surrogatfamilien“ generiert und so neue Verbindungen und Erzählungen schafft, und „Ghosts“, wo sie durch die digitale Manipulation von Fotografien verlorene Erinnerungen und Spuren von Vergangenheit sichtbar macht. Diese Auseinandersetzung mit der Spurensicherung findet sich auch in ihrem Werk „Der Rhein und seine Gezeiten 2025?“ wieder, in dem sie sich mit der Aneignung eines Ortes durch verschiedene Medien und Techniken beschäftigt. Die Aneignung per se ist für Schneider ein Versuch der Rekontextualisierung mit fremden Inhalten, ein Akt der Neubewertung und Neudefinition von Bedeutungen. Sie nimmt vorgefundenes Material – seien es Flohmarkt-Fotografien, digitale Bilder, Steine, Müll oder reale Orte – und setzt es in einen neuen Kontext, um so neue Erzählungen und Perspektiven zu schaffen.
Wie der Müll am Rhein, der indexikalisch auf eine dahinterliegende, nur zu vermutende Geschichte verweist, so arbeitet auch „Vermutung für dieses Bild“ mit der Rekonstruktion von Kontexten aus isolierten Fragmenten. In beiden Fällen geht es um die Schaffung neuer Wirklichkeiten durch die Neuordnung und Interpretation von Spuren und Hinweisen. Diese Verknüpfung der Konzepte individuelle Mythologien und Spurensicherung mit den Themen Narration und Selbsterzählung ist ein zentraler Aspekt von Schneiders künstlerischer Praxis. Die Schaffung individueller Mythologien, wie sie von Harald Szeemann auf der documenta 5 (1972) propagiert wurde, ebenfalls. Szeemanns Konzept, das die Bedeutung persönlicher Weltsichten und subjektiver Realitäten in der Kunst betonte, findet in Schneiders Werken eine zeitgenössische Entsprechung. Sie nutzt ihre Kunst, um ihre eigene, einzigartige Mythologie zu schaffen, die von ihren persönlichen Erfahrungen, Erinnerungen, Wahrnehmungen und Imaginationen geprägt ist.


Interessanterweise ähnelt Schneiders Arbeitsweise in ‚Ghosts 2018‘, nämlich die Aneignung und künstliche Reproduktion von verwaisten Flohmarkt-Fotografien, den Methoden vieler bildgenerierender KIs. Beide Ansätze nutzen vorhandenes Bildmaterial, um neue visuelle Realitäten zu schaffen. Diese Parallele wirft wichtige Fragen nach der Autorschaft, der Originalität und dem ethischen Umgang mit Bildern auf, die in Zeiten von KI-generierter Kunst immer relevanter werden. Vielleicht ist es auch der starke Versuch, Sinnzusammenhänge herzustellen (Mindmap).
Diese Herangehensweise erinnert an Aby Warburgs „Mnemosyne Atlas“, in dem er versuchte, die Wanderung von Bildern und Symbolen durch die Kulturgeschichte nachzuvollziehen und so ein umfassendes Verständnis der menschlichen Erfahrung von Mythen und Erzählungen durch Bild-Sammlungen zu verdeutlichen.


In ihrem Gesamtwerk schafft Sissy Schneider eine visuelle Sprache, die die Komplexität von KPTBS und die Fragilität der menschlichen Wahrnehmung eindringlich widerspiegelt. In ihrer Auseinandersetzung mit biografisch fundierten Traumata und deren künstlerischer Verarbeitung inspirieren Schneider bedeutender Künstlerinnen wie Frida Kahlo, Louise Bourgeois und Tracey Emin, die durch ihre Werke gezeigt haben, wie Kunst als Mittel zur Kommunikation und Verarbeitung von Traumata zu einem Heilprozess führen können. Persönliche Erfahrungen werden von ihnen in universelle Erzählungen verwandelt, die eng mit dem Unbewussten und dem autobiografischen Gedächtnis verbunden sind. Die Kunst stellt einen wichtigen Raum für die soziokulturelle und gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit den Themen Traumata und psychische Gesundheit. Dies scheint besonders relevant zu sein, betrachtet man die starken Zunahme psychischer Belastungen bei Kindern und Jugendlichen in der gegenwärtigen Zeit. Der direkte Dialog und die Offenheit sollen die Stigamtisierung von psychischen Erkrankungen abbauen, die noch immer in Teilen der Gesellschaft vorhanden sind.

Referenz-Arbeiten:
„What do you see“ 2018
„100 GENE“,
„Pliozän“
, „Ghosts“ 2018, „
Chronos 2021“,
„Der Rhein und seine Gezeiten“ 2025-?,
„Kunst und Krise (2025-?)“,
„Kunst und KI (2025-?)“

Künstlerische Praxis:
Dekonstruktion und Rekonstruktion, Assemblage, Dokumentation, Spurensicherung, Kategorisierung, Archivierung, Collage, Schaffung individueller Mythologien von Bildern, Fotografien, Fundstücken und Skulpturen, theoretischen Texten, Installatonen